Ausgabe Nr.
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J M upload 04.11.2022, Viva Edition 193 | Print article

Blaue Wirtschaft (Teil 2): Aquakultur - die globale Situation

Die Blaue Wirtschaft ist ein innovativer Sektor mit großem Wachstumspotenzial, insbesondere für Spanien bzw. die Kanarischen Inseln. Letztere könnten die große Abhängigkeit vom Tourismus damit abschwächen.

Der Begriff „Blue Economy“ bzw. „Economía Azul“ umfasst alle Wirtschaftsbereiche, die im Zusammenhang mit Ozeanen, Meeren oder  Küsten stehen, unabhängig davon, ob sie an Land (Häfen, Werften, Seetransport und Schiffsreparaturen, Offshore-Plattformen, Aquakulturen, Algenproduktion, Kreuzfahrt- und Nautiktourismus etc.) oder im Wasser (Fischfang, Offshore-Energiegewinnung etc.) angesiedelt sind.

In diesem ersten Bericht beleuchten wir das Segment Aquakultur bzw. Aquafarming. Dieses „Acuícola“ umfasst die Zucht von Wasserorganismen (Fische, Weichtiere, Krustentiere, Algen, usw.), die mit Produktionstechniken darauf abzielen, die betreffenden Spezies über die natürlichen Kapazitäten der Umwelt hinaus zu steigern.

Weltweit werden laut der Lebensmittel- und Agrikulturorganisation der Vereinten Nationen (FAO) bereits mehr Fische aus Aquakulturen verzehrt, als aus der freien Wildbahn (54 vs. 46 Prozent, siehe unten).3)

Asien produziert 91,8 % der weltweiten Aquakulturen (siehe Skizze re.).

In Europa (EU27) wurde 1,14 Mio. Tonnen produziert und in diesem Segment 3,7 Milliarden Euro erwirtschaftet (siehe Tabelle V193.1). Damit nimmt der Anteil der Fischzucht in Europa ein Fünftel der gesamten Fischerei ein (Aquakultur und Fischerei zusammengenommen).

Zwar ist das Verhältnis von Zucht und klassischer Fischerei im Vergleich zu den globalen Playern (siehe skizze li. Seite) noch ein vergleichsweise klein,  doch stark im Steigen. Die strategische Ausrichtung auf diesen innovativen und lukrativen Sektor erfolgt im Einklang mit der von der UNO im Jahr 2015 empfohlenen Art und Weise (Grüner Pakt Europa), mit dem Ziel einer nachhaltigen und qualitativ hochwertigen Lebensmittelproduktion unter Einhaltung der Umweltstandards - im Gegensatz zu vielen anderen Weltregionen.

Die größten Produktionsländer, gemessen am Gesamtvolumen in der EU, sind Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland und die Niederlande (siehe Tabelle V193.1 unten). Diese fünf Länder produzieren mehr als zwei Drittel der Gesamtmenge  (70,83 Prozent), wobei Spanien mit 306.507 Tonnen das Ranking deutlich anführt. Auf dem 2. und 3. Platz befinden sich Frankreich mit 194.328 t und Italien mit 132.278 t.

Werden die 3,7 Mrd. Euro im Jahr 2019 erwirtschafteten Umsätze betrachtet, dann nimmt Frankreich mit 758 Mio. Euro den ersten Rang ein und verdrängte Spanien, das 649 Mio. Euro generierte, von der Spitze des Rankings. Das resultiert aus dem unterschiedlichen Wert der Spezies bzw. Fischsorten.

Im Jahr 2019 wurden in der EU mit Aquafarming knapp 1,14 Mio. Tonnen produziert (siehe Tabelle V193.1), wobei die Miesmuscheln mit 477.293 Tonnen einen Anteil von 37 Prozent ausmachen (siehe Tabelle V193.2), Tendenz fallend (-7,9 Prozent). Danach folgt der gezüchtete Atlantik Lachs mit 203.307 Tonnen bzw. einem Anteil von 16 Prozent (Tendenz steigend +20 %) und die Regenbogenforelle mit 191.262 Tonnen und einem Anteil von 15 Prozent (Anstieg von 5,9 Prozent).

Der größte Umsatz im Aquafarming wurde mit der Regenbogenforelle generiert, 562 Mio. Euro, gefolgt von Goldbrasse  mit 434 Mio. Euro, Wolfsbarsch mit 432 Mio. Euro, Austern mit 402 Mio. Euro und  Miesmuscheln mit 394 Mio. Euro.

Aquakultur: Eine Chance für die Zukunft?

Obwohl das Weltbevölkerungswachstum4) in den letzten zwei Dekaden auf unter einen Prozent gesunken ist, führen Faktoren, wie z. B. niedrigere Kindersterblichkeit oder die höhere Lebenserwartung zu einem Anstieg auf prognostizierte 9,7 Milliarden Menschen bis 2050. Damit einhergehend steigt auch der Bedarf an Lebensmitteln und wie eingangs erwähnt, werden nur sieben Prozent aus maritimen Quellen gewonnen. Überfischung und bedenkliche Fangmethoden (wie z. B. Schleppnetze) haben das ökologische Gleichgewicht massiv geschädigt bzw. beeinträchtigt.

Die durch den Klimawandel verursachte Umweltkrise zieht immer größere Kreise und hat in diesem Jahr in vielen Ländern dieser Welt ihre drastischen Folgen demonstriert. Zudem ist die Lebensmittelproduktion, wie schon berichtet,5) für ein Viertel der globalen Treibhausgase verantwortlich. Paradoxerweise wird ca. ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel nicht einmal konsumiert, sondern wandert in den Müll! Seitdem die Emissionen einzelner Lebensmittelgruppen in CO2-e ausgedrückt werden (CO2 äquivalent pro Kilogramm), ist eine Vergleichbarkeit gegeben. Demnach hat beispielsweise Rindfleich einen sechsfachen Wert von Fisch.

Ergo: Das Umweltbewusstsein sowie die Bedeutung einer ‚gesunden‘ Biodiversität hat dazu geführt, dass weltweit immer mehr Nationen und Produzenten den Fokus auf nachhaltige und innovative Fang- und Produktionsmethoden setzen und die Aquakultur bzw. Aquafarming bietet hier ein riesiges Potenzial.

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Verweise

1)Studie „Economia Azul en Canarias 2021“ von CETECIMA (Centro Tecnológico Ciencies Marinas) vom 4. April 2022, ISSN-2695-5768

2)José Carlos Rendon, Präsident APROMAR, aus dem Dossier 2021 „Acuícola“

3)FAO Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations), 2020

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Siehe auch

Blaue Wirtschaft (Teil 2): Aquafarming - Das Grundprinzip

Blaue Wirtschaft (Teil 2): Aquakultur - Spanien starker Player

Aquakultur: Potenzial Kanarischen Inseln?

Pionier in Aquakultur: Aquanaria - Wolfsbarsch für Feinschmecker