Ausgabe Nr.
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J M upload 10.08.2018, Viva Edition 141 | Print article

Gran Canaria Walking Festival 2018 (Route 4) - Barranco Azuaje

Wie schon mehrfach berichtet, veranstaltet Gran Canaria Natural & Active auch in diesem Jahr das beliebte Wanderfestival, an dem im Vorjahr 800 Naturliebhaber aus vierzig Ländern teilnahmen. In diesem Jahr findet es vom 24. bis einschließlich 28. Oktober statt, also eine Woche früher. Da die Nachfrage immer größer wird und die Wandertouren mitunter schon frühzeitig ausgebucht sind, fahren wir mit der Vorstellung der Routen fort. Drei der sechs Routen des diesjährigen VII. Walking Festivals von Gran Canaria Natural & Active haben wir Ihnen bereits vorgestellt und haben diese zum Nachlesen auf unsere Webseite gestellt (siehe Programm).

Die vierte Route führt in den Parque Rural de Doramas. Dieser Naturpark erstreckt sich über eine Fläche von 3.586 Hektar und verteilt sich auf die Gemeinden Arucas, Firgas, Moya, Santa María de Guía, Teror und Valleseco und er verzaubert mit seinen dichten Wäldern, interessanten Felsformationen, tiefen Schluchten und einer einzigartigen Flora. Wasserreichtum sorgt für die üppige Vegetation, die sich vom trockenen Süden maßgeblich unterscheidet. Dafür sorgt eine Art natürlicher Glashauseffekt. Neben den Quellen sorgen vor allem die  Passatwinde aus Nordosten  für die Versorgung mit dem lebensnotwendigen Nass. Sie haben eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 22 km/h. Die unteren Strömungen sind sehr feucht und die darüber liegenden trocken. Durch die Wolkendecke wird das Mikroklima sehr stabil gehalten. 

Route 4 - Parque Doramas

Diese Gegend ist das „grüne Juwel“ der Insel und innerhalb des Parks gibt es Sondernaturschutzgebiete, wie beispielsweise Barranco Oscuro, Azuaje und Los Tilos de Moya. Letzterer ist Ziel dieser vierten Rute des Wanderfestivals und wir haben ihn in Ausgabe Nr. 75 vom 27. März 2015 bereits vorgestellt. Die Eckdaten finden Sie im Steckbrief (Kasten links).

Der Name Doramas ist eine Hommage an den letzten großen Krieger der Altkanarier.1) Wir bleiben also im Parque Doramas, wandern allerdings durch das Sondernaturschutzgebiet Parque de Azuaje, das sich in unmittelbarer Nähe der eigentlichen Tour befindet.

Barranco Azuaje & ein bisschen mehr

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Aufgrund der heißen Temperaturen entschließen wir uns frühzeitig aufzubrechen. Ich verfüge leider über keinerlei Orientierungsvermögen und könnte mich im kleinsten Dorf der Insel verlaufen. Zum Glück gibt es heutzutage Apps, die helfen auf dem Weg zu bleiben und so verhindern, dass man verloren geht. Mein Fotograf Eric überzeugte mich, dass wir gleich die etwas längere Tour machen, bei der wir noch mehr sehen werden. Das klang einleuchtend und war effizient und natürlich willigte ich ein. Erstmals haben wir unseren Ausflug aufgenommen und auf der Onlineplattform Wikiloc zum Herunterladen zur Verfügung gestellt. Wir brachen um 7.00 Uhr auf in Richtung Firgas, wo wir das Auto auf einem Gemeindeparkplatz abstellten. Dieses Mal waren wir wieder zu Dritt unterwegs plus mein Hündchen Juan, der solche Touren liebt. Eric war mit seinem Fotoequipment beladen und mein Rucksack war voll gestopft mit Proviant. Gehen macht hungrig und nachdem es auf dieser Strecke keine Einkehrmöglichkeit gibt, wollten wir auf der sicheren Seite sein. Nur für das Wasser war kein Platz mehr und so musste Franjo sich opfern. Er organisierte sich kurzerhand beim Bäcker eine Plastiktragetasche und fortan war er für die Wasserversorgung zuständig.

Start in Firgas

Wir schlenderten also durch das kleine Städtchen, das noch zu schlafen schien. Der Himmel war bewölkt und es war frisch – perfekte Bedingungen also. Wir folgten der Straße etwa 600 Meter und passierten Felder, die auf Terrassen bewirtschaftet wurden. An der ersten Weggabelung bogen wir in Richtung „Barranco de Guadalupe“. Nach einiger Zeit gehen wir auf einem Trampelweg, der einige Tücken bereit hält. Man muss sich konzentrieren, um auf den runden, mitunter rutschigen, Steinen nicht zu stolpern. Eine Schafherde lässt sich von uns nicht aus der Ruhe bringen und wir schlendern immer weiter bergab. Wir sehen Lavendel, Salbei, Sauerampfer, Feigenbäume, Tabaibas, Pinien- und Eukalyptusbäume sowie verschiedenste Sträucher. Je mehr wir absteigen, desto schattiger und dunkler wird es und nach etwa einer Stunde hören wir schon das Wasser eines kleinen Bachlaufs, wir sind richtig. Das wird auch an den Weiden und Binsen evident, die sich entlang der Ufer breit machen. Ein verwaister Picknickplatz dient uns zur ersten kleinen Rast.

Stellenweise wird es abenteuerlich und man muss über umgefallene Bäume oder Pfützen steigen sowie sich den Weg durch das Schilf förmlich suchen. Manchmal ist der Boden durch den Schlamm gefährlich rutschig. Jetzt geht der Trampelweg bergauf und bietet herrliche Ausblicke in die Tiefen der Schluchten und die gegenüberliegenden Bergkämme. Es ist menschenleer und nur vereinzelt sieht man Gebäude, wobei die meisten davon wie unbewohnte Ruinen wirken, was sie wohl auch sind.

Endloses rauf & runter - die Aussicht belohnt die Mühen

Nun führt der Trampelweg wieder hoch und immer wieder gibt es Passagen, die sehr steinig sind. Sogar Juan ist geschafft und sieht mich hilfesuchend an, nachdem er an der Höhe mancher Passagen gescheitert ist. Wer kann da widerstehen? Und so beschließe ich, ihn ein Stück zu tragen. Ich bin geschafft und noch ein wenig mehr als mir Eric nach fast zwei Stunden erklärt, dass wir erst etwa 25 Prozent der Strecke gegangen sind. Meine Fußsohlen schmerzen inzwischen auch und es kommt mir vor, als ob ich jedes noch so kleine Steinchen spüre. Jammern nützt nichts, obwohl mir sehr danach ist. Auf jeden Fall habe muss ich bei der nächsten Wanderung doch die festen Schuhe mit der dicken Sohle anzuziehen. Jetzt rächt sich mein Leichtsinn und meine Unterschätzung der Route. 

Nicht einmal die herrliche Aussicht kann ich genießen, denn die Information über die erst 25 Prozent Wegstrecke haben alles andere in den Hintergrund getrieben.  Am gegenüberliegenden Barranco sehen wir die Höhlenformationen „Cuevas de Doramas“. Jetzt geht es wieder hoch und immer höher auf einem schmalen Pfad und an zwei Stellen sind die Felswänder an einer Flanke fast überschüssig und somit schwer zu passieren.

Halbzeit: Wie die Könige im „Höhlenrestaurant“

Die Höhlen „Cuevas de Doramas“ waren schon von den Altkanariern bewohnt. Sie liegen in der Ansiedlung von Guadalupe, wo 1541 Alonso de la Barrera eine Kapelle errichtete, die aber aufgrund eines Erdrutsches zerstört wurde. Dort soll einst auch der legendäre kanarische Widerstandskämpfer gelebt haben. Das Wort Ansiedlung muss man ein wenig relativieren, denn es lebt fast niemand mehr dort, mit Ausnahme eines betagten Ehepaars, das seit 67 Jahren verheiratet ist und noch nie wo anders als in ihrer Höhlenwohnung gelebt hat. Wenn Sie schwere Lasten transportierten, dann taten sie dies mit einem Metallgestell, das auf einem Seilzug befestigt war und nutzten es auch, um selbst damit den beschwerlichen steilen Weg zu meistern. Der natürliche Höhlenkomplex wurde um einige weitere künstlich geschaffene „Cuevas“ erweitert. 

Ein Teil der Höhlen ist frei zugänglich und daher sind die Spuren der Menschen nicht zu übersehen. Ein Potpourri an Trödel lässt den Eindruck entstehen, dass dieser Ort regelmäßig genutzt wird, sei es von Partygängern, Obdachlosen oder Wanderern, wie in unserem Fall. 

Nach dem (sehr) langen ersten Teil der Wanderung haben wir erkannt, dass wir zu diesem Zeitpunkt lediglich die Hälfte der Tour geschafft haben. Nachdem sich der Hunger unüberhörbar breit machte, beschlossen wir hier zu rasten. Wir packten unsere köstlich belegten Brötchen auf den urigen Holztisch und setzten uns auf die drei Stühle, wie für uns gerichtet. Wir speisten in diesem ungewöhnlichen Ambiente der Höhle, die eine angenehme Temperatur hatte und uns etwas abkühlte und einen Blick nach außen frei gab. So bescheiden kann man werden, denn nichts war herrlicher als in diesem ‚Höhlenrestaurant‘ zu speisen.

Die Sonne ist unerbittlich

Die Sonne hatte nun ihren Zenit erreicht und strahlte umbarmherzig auf uns herunter. So sehr man sie, am Pool liegend, genießt, so hart ist sie bei körperlicher Anstrengung. Wir gerieten mit unserem Zeitplan ins Hintertreffen und waren froh, dass wir genügend Wasser mitgenommen hatten. Franjo führte diese noch immer brav in der eingangs organisierten hässlichen, blauen Plastiktragetasche mit und jammerte keinen einzigen Augenblick. Fast schäme ich mich als „Weichei“. Ich wollte nicht mehr und nötige Eric einen Zwischenstatus ab, der sich nun emsig bemühte eine Abkürzung zu finden, was er auch tat. Einen ganzen Kilometer sparte dies uns zum Glück. Wir mussten ‚nur‘ noch 340 Meter runter – aber auch wieder rauf, wie ich mit panischem Blick auf seinem Display ablesen konnte. Mir war zum Heulen. Augen zu und durch! 

Die Jacke hatte ich schon längst ausgezogen und der Schweiß lief mir förmlich den Rücken entlang. Franjo und mein „PP“-Pegel waren auf dem Höhepunkt. Kennen Sie das? Das ist der Punkt der größten Panik, dem man nur auf zwei Arten begegnen kann. Entweder man dreht durch, oder man lacht ohne Grund. Das taten wir ab jetzt und zwar über uns selbst. Guck mal, eine Steigung, oh,  eine Kurve, ein Aufstieg, Abstieg, Felsen … hahaha. Das Schlimmste war allerdings, dass Eric wie eine Ziege die Herausforderungen ohne Mühen schaffte und immer wieder am Horizont verschwand. Längst hatten wir es aufgegeben seinem Schritt standhalten zu können. Wieso habe ich nur dieser „kleinen Verlängerung“ zugestimmt? Ich könnte mich ohrfeigen.

Die Rettung: Das Wasser

Und dann hörte ich den himmlischen Klang von Wasser und es löste einen Energieschub aus. Fast im Laufschritt hoppelte ich den felsigen Weg hinab und tauchte ein in eine wunderbare grüne, kühle Oase. Ohne zu zögern zog ich die Schuhe aus und watschelte im frischen, kalten, fließenden Wasser. Herrlich! Möge die Zeit jetzt stehenbleiben. Sogar Juan war aus dem Häuschen und tippelte im Bach herum, der mit Pflanzen eine weiche angenehme Unterlage für Pfoten und Füße darstellte.

Ruine: das einstige Kurbad von -azuaje

So gerne ich es wollte, aber noch länger konnte ich unseren Weitermarsch nicht hinauszögern. Zumindest begleitete uns in diesem Tal  das Plätschern des Bachses - Paradiesisch. Man fühlt sich wie im Dschungel und dafür sorgen auch die quakenden Fröösche und das Vogelgezwitscher. Wir gelangten zu einer Ruine: Das einstige Kurbad „Balneario de Azuaje“. Es war ein aufgrund des mineralienreichen Wassers (Silikate, Eisen etc.) im Jahr 1868 erbaut und beinhaltete ein Hotel. Der Bau gestaltete sich wegen dem unwegsamen Geländes sehr schwierig. Das komplette Material musste mit Viehgespann herangeschafft werden. Das Hotel hatte im Endausbau drei Etagen. Im Erdgeschoss befand sich ein Salon, ein Appartement mit Balkon und in der ersten Etage befanden sich weitere 16 Räume, die aus Holz gebaut waren. Sogar eine kleine Kapelle für die wöchentliche Messe war vorhanden.

Das Hotel Balneario de Azuaje lockte schließlich die ersten europäischen Gesundheitstouristen an, gut betucht natürlich, denn es war chic Kuraufenthalte an exotischen Plätzen zu haben - zumindest für bestimmte Schichten. Der Zugang zum Kurbad war von Moya und von Firgas aus möglich, allerdings beschwerlich. Um die Erreichbarkeit zu erleichtern, wurde 1907 bei Buhen Lujar ein Viadukt errichtet und das hatte zur Folge, dass mehr Menschen das Kurbad aufsuchten. Während der drohenden bevorstehenden Kriegswirren und wegen sanitärer Gründe wurde das Bad 1938 geschlossen. Es konnte aufgrund fehlender Geldmittel später nicht mehr offiziell Wiedereröffnet werden, wenngleich einige Einheimische diesen Badeort nach wie vor aufsuchten. Die Glanzzeiten waren vorbei und der Todesstoß für das Kurbad war eine große Überschwemmung im Jahr 1955. Heute sind nur noch Reste der Mauern und einige Säulen übrig geblieben. Ausdrücklich abgeraten wird es hinsichtlich von Sicherheitsbedenken diese zu betreten.

Endlose Steigungen bis zum bitteren ‚Ende‘

Jetzt waren ‚nur‘ noch 340 Meter angesagt, aber nicht Distanz, sondern Höhenmeter. Fast kamen mir die Tränen der Verzweiflung oder war es Wut? Eric war schon wieder längst über alle Berge verschwunden und Franjo und ich konnten uns nicht einmal mehr gegenseitig motivieren. Die Strecke war steil und kam mir unendlich vor. Nach jeder Kurve hoffte ich, das Ziel zu sehen. Stattdessen sah ich nur das jeweilige Teilstück bis zur nächsten Kurve und so ging es endlos weiter. Die vielen Aussichtsplattformen nutzten wir als willkommene Möglichkeit für eine kleine Rast. Ich bekam kaum noch Luft und mein Kopf war hochrot, als ob er jeden Moment explodieren würde (und es fühlte sich auch so an). Jeder Muskel in meinem Körper schmerzte und das bei jedem einzelnen Schritt. Sogar das Hündchen war am kollabieren und bedingt durch das Geländes war ich auch noch gezwungen, Juan immer wieder ein Stück zu tragen. Und auch er war völlig geschafft (siehe Beweisfotos „Julija & Juan in der Krise). Ich weiß nicht, wie wir das geschafft haben, aber irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit waren wir wieder in Firgas.

Fazit

Für geübte Wanderer ist die Strecke herrlich zu begehen. Wenn Sie allerdings weniger fit sind, dann empfehle ich auf jeden Fall die kürzere Variante zu wählen. Ansonsten haben wir für wagemutige Abenteurer, wie bereits erwähnt, erstmals die Tour aufgenommen und auf Wikiloc hochgeladen. Sie können diesee bequem mit ihrem Smartphone verfolgen oder einfach virtuell ‚nachgehen‘. Wir wünschen viel Spaß! 

Steckbrief Route 4

Märchenwald von  Doramas

So., 27. Oktober 2018

Streckenwanderung, Distanz: 8 km, Schwierigkeit: Leicht, Gehzeit ca. 4 Std., Steigung/Gefälle: 542 m/686 m
Route: Erholungspark Santa Cristina, El Palmital, Lomo Las Quemadillas, Barranco Los Propios, Barranco de Laurel (Los Tilos de Moya), Las Veredas, Alto de Moya, Moya. 
Start: 8.00 Uhr Bustransfer vom Auditorio Alfredo Kraus in Las Palmas oder um 7.30 Uhr ab der Touristeninformation in Playa del Inglés beim C. C. Yumbo.
Rückkehr: 15.45 bzw. 16.15 Uhr

Die Tour beinhaltet:
- Haftpflicht- und Unfallversicherung
- Picknick, Führung und Erläuterungen zum ethnografischen Kulturgut
- Verkostung kanarischer Produkte, Weinprobe

• Preis: 30 Euro. Der komplette Wanderpass für alle sechs Routen kostet 130 Euro (Achtung: Preisänderung!). 

• Anmeldungen sind schon möglich! Eine detaillierte Beschreibung jeder einzelnen Route finden Sie in mehreren Sprachen auf der offiziellen Webseite der Organisatoren.

www.grancanariawalkingfestival.com