Ausgabe Nr.
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J M upload 20.07.2020, Viva Edition 99 | Print article

Die Casa Afrika, im Gespräch mit Direktor Luis Padrón

Im Januar 2016 durfte ich von der großzügigen Spendenaktion von Dr. Valenzuela Bossmeyr berichten, in der er medizinische Geräte im Wert von 32.000 Euro für Afrika gespendet hat (siehe Viva Canarias Nr. 92). Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich von der Organisation „Casa África“, ohne deren Kontakte und Unterstützung weder der Transport der dringend notwendigen medizinischen Geräte für Saint Luis, noch die ordnungsgemäße Übernahme und Inbetriebnahme von statten gekommen wäre. Endlich ließ es der volle Kalender des Generaldirektors Luis Padrón zu, dass wir ihn zu einem Interview treffen konnten. Welch interessante Informationen wir erfahren sollten, ahnte ich gar nicht.

 

Für dieses langersehnte Gespräch bin ich sogar schon um sieben Uhr aufgestanden, denn der Termin wurde für 9.00 Uhr in Las Palmas anberaumt (das war schon ein Opfer, denn ich bin kein Morgenmensch). Wir begaben uns in ein Verwaltungsviertel mit vielen wunderschönen historischen Bauten. An der c/Alfonso XIII thront das schon von weitem sichtbare Gebäude, wohl auch wegen seiner markanten Fassade. 

DIPLOMAT PAR EXCELLENCE

Wir melden uns an und werden schon einige Augenblicke später von einer Assistentin abgeholt und zu seinem Büro geführt. Es sieht so aus, wie man es sich von einer Führungspersönlichkeit mit diplomatischem Rang erwartet. Alles ist gediegen und geräumig und natürlich, wie könnte es anders sein, dominiert afrikanische Kunst. Überall stehen Skulpturen und an den Wänden hängen ausgesucht schöne Fotografien und Gemälde. Mit strahlenden und zugleich interessierten Augen begrüßt uns der dynamische Herr Luis Padrón. 

Er ist eine aparte Erscheinung, dem die hohe Kunst der Diplomatie auf höchster Ebene wohl schon in die Wiege gelegt wurde. Man bietet uns Kaffee an (was bei meinem vielen Interviews wirklich eine Seltenheit ist) und wir nehmen Platz in der gemütlichen Sitzecke in seinem Büro (um nicht zu sagen, ich versinke).

Was ist casa áfrica?

Die Casa África ist eine dem spanischen Außenministerium unterstellte öffentliche Einrichtung mit dem Ziel die Beziehungen zum afrikanischen Kontinent zu intensivieren und so gegenseitig wirtschaftliche sowie kulturelle Projekte zu fördern. Sie wurde im Jahr 2006 mit Sitz in Las Palmas de Gran Canaria gegründet. Dabei werden in den interkulturellen Aktivitäten mitunter neue Wege und Methoden beschritten, die außerhalb der klassischen Agenden der Öffentlichkeitsarbeit von Regierungen liegen. Die Casa África organisiert jährlich um die 200 Veranstaltungen, wie z. B. Konferenzen, Runder Tisch, B2B-Treffen, Kulturveranstaltungen (Cocktails, Meet & Greet, Ausstellungen). 

Die Casa Africa stellt im Bedarfsfall auch ihre Räumlichkeiten für wichtige Zusammenkünfte zur Verfügung. Es ermöglicht somit eine Annäherung zweier Parteien quasi auf „neutralem“ Boden. Selbstverständlich ist die technische Ausstattung auf dem letzten Stand der Dinge. „State of the Art“ nennt man das in Fachkreisen. Es gibt sogar speziell gesicherte bzw. abgeschirmte Meetingräume.  

KANAREN ALS Drehscheibe - „hub“?

Die Kanaren sind aufgrund ihrer Nähe geradezu prädestiniert und positionieren sich strategisch als sogenannter „Hub“. Damit ist gemeint, dass der Archipel als Drehscheibe zwischen internationalen Unternehmen und Ländern auf dem afrikanischen Kontinent fungieren möchte bzw. dies auch schon tut. Spanien hat mit manchen Gegenden aufgrund einstiger Kolonialstaaten eine (lange) gemeinsame Geschichte.

Es haben sich inzwischen einige Konzerne auf den Kanaren niedergelassen, die ihre Geschäfte mit Afrika tätigen aber ihre „Afrika-Zentrale“ in der Hauptstadt eingerichtet haben (Anm.: Ähnlich, wie es Wien vor dreißig Jahren für viele internationale Konzerne als Schnittpunkt zwischen Ost und West war). Entsprechend hat sich in den letzten Jahren der Fokus erweitert und man ist höchst interessiert auch ausländischen Konzernen bei ihren Investmentintentionen zu helfen. Man ist auch als (Ver)Mittler tätig und fungiert u. a. als eine Art „Low Cost Arbitration“ Center im Falle von Streitigkeiten.

Inzwischen hat Spanien bzw. die Casa Áfrika mit Ihren konsequenten vertrauensbildenden Bemühungen seinen Fuß fest in der Tür des Nachbarkontinents. Spanien ist auf Rang zwei der größten Investoren in Afrika. Allein in den letzten acht Jahren haben sich 300 Firmen registriert. Es gibt beispielsweise sechs Cervantes Institute, etliche diplomatische Vertretungen, Kulturzentren etc., die sich auf den Ländern quer über den Kontinent verteilen.

„Die linke Seite habe ich schon fest im Griff“ schmunzelt Padrón und meint Augenzwinkernd, dass dort bereits gute Kontakte geknüpft seien und die Zusammenarbeit fruchtvoll funktioniere. Allerdings ist der Kontinent riesig und der blickt auf die Karte an der Wand, auf seine „Baustelle“ wie mir scheint. Bei seinem Elan und unermüdlichen Einsatz wird er es allerdings schaffen. Er verbringt Wochen unterwegs und ist viele Stunden lang im Flugzeug unterwegs.

Anreizsysteme

Die Kanarenregierung hat als autonome Region Spaniens dafür eine Reihe von steuerlichen Anreizsystemen implementiert, die von der EU genehmigt wurden. Diese im Detail vorzustellen, würde den Rahmen hier sprengen.

Wieso ist Afrika so interessant?

Afrika ist ein riesiger und zugleich bevölkerungsstarker Wachstumsmarkt. Gegenwärtig ist er der größte Exportabnehmer Spaniens und inzwischen sind bereits um die 1.500 Unternehmen dort angesiedelt. Spaniens Wirtschaftstätigkeit wird unterschätzt, denn in Südafrika beispielsweise stammen 31 Prozent der Erneuerbaren Energiekraftwerke von spanischen Unternehmen. Afrika ist flächenmäßig sechzig mal so groß wie Spanien und knapp über 1,2 Milliarden Einwohner. Dem gegenüber stehen knapp 48 Millionen Spanier.

Denklabore - eine Chance für die Zukunft 

Die Ausrichtung ist, langfristig und nachhaltig zu investieren und über die wirtschaftliche Stärkung der lokalen Bevölkerung zu einem besseren Leben zu verhelfen. Welche Möglichkeiten gibt es in der Zukunft? Wie könnte das konkret aussehen? Fragen über Fragen, bei denen die großen Denker und Fachleute in sogenannten “Think Tanks“ zusammenfinden, was in Europa seit Jahren praktiziert wird. Auch das will die Casa África zukünftig forcieren und für den benachbarten Kontinent eine Vorreiterrolle einnehmen – gemeinsam. Erste Treffen gab es bereits im Vorjahr.

Kultureller Austausch

Wirtschaftliche Interessen sind eine Sache, das Land, die Menschen und ihre Kultur eine andere. Frankreich ist weltweit unangefochten die Nummer Eins der Spendennationen für den afrikanischen Kontinent. Doch dahinter, mit knapp 75 Millionen Euro, kann sich auch Spanien sehen lassen, auch wenn inzwischen aufgrund der Wirtschaftssituation der Betrag heruntergeschraubt wurde. „Ziel ist es langfristig den Menschen zu helfen, sich selbst zu helfen und geht u. a. auch über die Stärkung der Wirtschaft und Schaffung von Arbeitsplätzen“, erklärt Padrón eine der Ausrichtungen der Casa África.

Neu ausgearbeitete Konzepte sollen schon den Kindern in der Schule Afrika näher bringen. Eine Vielzahl an kulturellen Veranstaltungen richten sich an die Erwachsenen, so wie derzeit die aktuelle Ausstellung mit sehr ausdrucksstarken Fotos von Personen, die das Land bewegten oder eine tragische Geschichte zu erzählen haben.

Eigene Bibliothek und Filmothek

Im Erdgeschoss befindet sich eine umfassende Bibliothek mit Büchern über Afrika in verschiedenen Sprachen (Fachbücher, Fotobände, aber auch Filme). Weit mehr Filme als in Hollywood werden in Indien, die sogenannten Bollywood-filme, gedreht. Konkret sind es 1.500 pro Jahr. In Nigerien sind es sogar 2.500 und die Branche boomt (auch wenn die Schere der Qualität weit auseinander klafft). Die Bibliothek ist für jeden zugänglich. Man muss sich nur einschreiben und kann sich die Bücher (so wie bei uns) ausleihen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, denn wir haben die Zeit um den Faktor zwei überschritten und es hat sich schon eine Menschenschlange gebildet. Aber es war Herrn Padrón ein großes Anliegen, dass ich den vollen Umfang der Tätigkeit erfasse und ihn entsprechend vorstelle. Falls ihr Unternehmen in diese Richtung expandieren möchte, dann stehen Ihnen die Türen der Casa África offen. Falls Sie „nur“ kulturinteressiert sind, dann sind Sie natürlich im Rahmen der Ausstellungen herzlich willkommen. Ich hoffe, Sie fanden diesen Artikel interessant.

 

Kontakt 

Casa África c/Alfonso XIII 5 in 35003 Las Palmas de Gran Canaria.

Tel.: 928 432 800

Email: direccion.general@casaafrica.es

Email: info@casaafrica.es

Öffnungszeiten: Mo. bis Fr. von 9.00 bis 14.00 Uhr.

Ausstellungen: Mo. bis Fr. von 9.00 bis 18.00 Uhr.